Oscar Romero – sein Leben, seine Ermordung und unsere Verbindung zu ihm

Porträt von Erzbischof Oscar Romero mit Brille

„Es ist nicht Gottes Wille, dass Einige alles haben und die Anderen nichts.“ – Oscar Romero

Diese Seite fasst die Präsentation des Kuratoriums El Salvador der Pfarreiengemeinschaft St. Jakobus Gersthofen zusammen: das Leben und die Ermordung des heiligen Oscar Romero, die Geschichte El Salvadors von den 1970er-Jahren bis heute – und unsere besondere Verbindung zu ihm.

El Salvador – ein kleines Land mit großen Gegensätzen

El Salvador ist mit rund 21.000 km² das kleinste Land Mittelamerikas – etwa so groß wie Hessen. Es grenzt an den Pazifik und zählt heute etwa 6,3 Millionen Einwohner; Hauptstadt ist San Salvador.

In den 1970er-Jahren war die Gesellschaft von enormen sozialen Gegensätzen geprägt: Um 1970 bewirtschafteten Kleinstbetriebe unter einem Hektar (rund die Hälfte aller Höfe) nur knapp 5 % der Agrarfläche, während etwa 800 Großgrundbesitze den Großteil des Landes hielten. Die als „die vierzehn Familien“ bekannte Kaffee-Oligarchie kontrollierte seit dem späten 19. Jahrhundert Land, Banken und Politik. Viele Menschen, besonders auf dem Land, lebten in Armut.

Politisch herrschten autoritäre Strukturen: Militär und wirtschaftliche Eliten dominierten das Land. Freie Wahlen gab es nicht – die Präsidentschaftswahl 1972 wurde gefälscht. Wer Veränderungen forderte – Bauern, Gewerkschafter, Oppositionelle – wurde mit Demonstrationen-Verboten, Verhaftungen, Einschüchterungen und politischen Morden beantwortet. Todesschwadronen ermordeten Oppositionelle, Gewerkschafter und Priester. Als Regierungstruppen am 8. Mai 1979 die besetzte Kathedrale von San Salvador räumten, erschossen sie 20 Menschen – vor laufenden Kameras internationaler Journalisten.

Oscar Romero – vom Erzbischof zum Anwalt der Armen

Porträt von Erzbischof Oscar Romero mit Brille
Oscar Romero (1917–1980), Erzbischof von San Salvador – 2018 heiliggesprochen

Wer war Oscar Romero?

  • 1917 – Geburt am 15. August in Ciudad Barrios als zweites von acht Kindern einer bescheidenen Familie; zunächst Schreinerhandwerk, mit 13 Jahren Eintritt ins Kleine Seminar
  • 1942 – Priesterweihe am 4. April nach dem Theologiestudium an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom (Lizenziat mit Auszeichnung)
  • 1970 – Weihbischof, ab 1974 Bischof von Santiago de María
  • 1977 – im Februar Ernennung zum Erzbischof von San Salvador

Romero galt zunächst als konservativ. Militär und Oligarchie begrüßten seine Ernennung als „sichere“, regierungsfreundliche Wahl.

Die Wende: Ermordung von Rutilio Grande (März 1977)

Am 12. März 1977 wurde sein Freund, der Jesuitenpater Rutilio Grande, bei El Paisnal von einer Todesschwadron erschossen – zusammen mit dem alten Manuel Solorzano und dem Jungen Nelson Rutilio Lemus. Grande hatte sich als Pfarrer von Aguilares für die arme Landbevölkerung eingesetzt und Basisgemeinden gegründet. Für Romero wurde damit klar: Einsatz für Gerechtigkeit ist lebensgefährlich. Von da an wurde der behutsame Erzbischof zum unbeugsamen Anwalt der Armen. (Rutilio Grande wurde am 22. Januar 2022 in San Salvador seliggesprochen.)

Die Stimme der Stimmlosen

In seinen Sonntagspredigten, die landesweit im Radio übertragen wurden, sprach Romero über die Not der Armen, die Angst der Bevölkerung und die Verantwortung der Machthaber. Er nannte Namen von Opfern und dokumentierte Menschenrechtsverletzungen – seine Predigten galten als die wichtigste Chronik der Gewalt im Land. Sein Maßstab war nicht parteipolitisch, sondern theologisch: die Würde jedes Menschen. Er verurteilte die Gewalt beider Seiten – die der Armee wie die der Guerilla. „Wer Macht besitzt, trägt Verantwortung.“ Todesschwadronen bedrohten ihn und sein Umfeld; die Sende- und Drucktechnik des Erzbistums wurde wiederholt Ziel von Anschlägen.

Die Ermordung am 24. März 1980

Am Abend des 24. März 1980 feierte Romero in der Kapelle des Krankenhauses Divina Providencia, in dem er wohnte, eine Gedenkmesse. Ein Scharfschütze erschoss ihn unmittelbar am Altar. Am Vortag hatte er in seiner letzten Sonntagspredigt Soldaten und Polizisten eindringlich zugeredet: „Im Namen Gottes … hört auf mit der Repression!“

Die UN-Wahrheitskommission machte 1993 den Todesschwadronen-Chef und späteren ARENA-Gründer Roberto D’Aubuisson für den Mordauftrag verantwortlich. Warum wurde Romero ermordet? Weil er nicht schwieg. Weil er die Gewalt öffentlich benannte. Und weil seine moralische Autorität für jene gefährlich wurde, die ihre Macht mit Gewalt aufrechterhielten.

Der Bürgerkrieg 1980–1992

Nach Romeros Ermordung entwickelte sich der Konflikt zum offenen Bürgerkrieg zwischen der Armee und der Guerilla FMLN (benannt nach dem 1932 hingerichteten Bauernführer Farabundo Martí; 1980 als Bündnis aus fünf Guerillagruppen entstanden). Die Zivilbevölkerung geriet zwischen die Fronten.

  • Rund 75.000 Tote, dazu Verletzte, Vertriebene und Flüchtlinge; die UN-Wahrheitskommission schrieb die große Mehrheit der Gewalttaten Armee und Sicherheitskräften zu.
  • Massaker von El Mozote (1981): Das Batallón Atlácatl ermordete vom 10.–12. Dezember 1981 rund 900 Zivilisten, meist Kinder.
  • Ermordung von sechs Jesuiten (1989): Am 16. November 1989 erschoss ein Armee-Kommando sechs Jesuiten der Zentralamerikanischen Universität UCA – darunter Rektor Ignacio Ellacuría – und zwei Mitarbeitende.
  • Friedensvertrag: Am 16. Januar 1992 unterzeichneten Präsident Alfredo Cristiani und die FMLN in Chapultepec (Mexiko-Stadt) den Friedensvertrag.

El Salvador nach dem Bürgerkrieg

1994 fanden die ersten freien Präsidentschaftswahlen nach Kriegsende statt; aus der Guerilla wurde die Partei FMLN. Dennoch blieb die Lage für viele schwierig: Viele Salvadorianer wanderten in die USA aus – Familiengeldüberweisungen sind heute eine tragende Einkommensquelle (2024 flossen 8,48 Mrd. US-Dollar ins Land, rund 24 % des Bruttoinlandsprodukts).

Neues Problem wurde die Bandenkriminalität: MS-13 entstand in den 1980er-Jahren unter salvadorischen Kriegsflüchtlingen in Los Angeles und gelangte durch Massenabschiebungen der 1990er-Jahre nach El Salvador; rivalisierender Gegenspieler ist Barrio 18.

Nayib Bukele und die aktuelle Situation

2019 wurde Nayib Bukele zum Präsidenten gewählt – ein Bruch mit der traditionellen Parteienlandschaft (ARENA/FMLN). Nach einer Banden-Mordserie verhängte er Ende März 2022 den bis heute geltenden Ausnahmezustand: Seither wurden über 83.000 Menschen meist ohne Anklage inhaftiert, viele im 2023 eröffneten Mega-Gefängnis CECOT (40.000 Plätze). Die Mordrate sank von 6.656 (2015) auf 114 (2024).

Gleichzeitig dokumentieren die Interamerikanische Menschenrechtskommission und Menschenrechtsorganisationen willkürliche Festnahmen, Todesfälle in Haft und die schrittweise Ausschaltung von Justiz, Parlament und Presse. Offen bleibt die Frage: Sicherheit vs. Rechtsstaatlichkeit.

Selig- und Heiligsprechung

  • 23. Mai 2015: Papst Franziskus sprach Romero in San Salvador selig – 35 Jahre nach seinem Tod.
  • 14. Oktober 2018: Heiligsprechung durch Papst Franziskus. Grundlage war das anerkannte Wunder der unerklärlichen Heilung einer schwangeren, todkranken Frau, die gesundete und ein gesundes Kind zur Welt brachte.
  • 24. März: Die UN-Generalversammlung rief 2010 einen jährlichen Gedenktag für das Recht auf Wahrheit aus – ausdrücklich im Gedenken an Oscar Romero.

Unsere Verbindung zu Oscar Romero – die Pfarreiengemeinschaft Gersthofen

Wie alles begann

Weihbischof Gregorio Rosa Chávez bei einer kirchlichen Zeremonie
1998: Weihbischof Gregorio Rosa Chávez segnete das Oscar-Romero-Pfarrzentrum in Gersthofen

Unser ehemaliger Pfarrer Heinrich Weiss schlug den Namen Oscar Romero für das neue Pfarrzentrum vor. Er war als Religionslehrer und durch den Fernsehfilm über Romero an einem Karfreitag 1980 tief beeindruckt worden und hatte dessen Biografie und Tagebuch gelesen. Über den Misereor-Geschäftsführer Prälat Herkenrath knüpfte er den Kontakt zum damaligen Weihbischof Gregorio Rosa Chávez – einem der besten Freunde Romeros. 1998 segnete dieser unser Pfarrzentrum, das seither den Namen Oscar Romeros trägt. An diesem Tag entstand eine bis heute andauernde Verbindung mit El Salvador.

Unsere Ansprechpartner vor Ort

Kardinal Gregorio Rosa Chávez
Kardinal Gregorio Rosa Chávez – Freund Oscar Romeros und Ansprechpartner vor Ort
Pater Martin Maier SJ
Pater Dr. Martin Maier SJ – Geschäftsführer von Adveniat, früher Dozent und Seelsorger in El Salvador

Kardinal Gregorio Rosa Chávez berichtete uns von der politischen Situation El Salvadors und der Not vieler Menschen. Er besuchte Gersthofen 1998, 2012 (auf unsere Einladung hin) und 2014 zur Eröffnung der Adveniat-Aktion in Augsburg. Er ist die Verbindung zwischen unserer Pfarrgemeinde und den unterstützten Menschen und Einrichtungen vor Ort.

Pater Dr. Martin Maier SJ, heute Geschäftsführer von Adveniat, lehrte an der Universität in San Salvador und arbeitete in der Gemeinde Jayaque. Immer wieder kommt er nach Gersthofen und berichtet aktuell über die Lage im Land. Beide stehen als Garanten dafür, dass die Spendengelder vollständig den unterstützten Projekten zugutekommen.

Das Kuratorium El Salvador

Die Begegnung mit Kardinal Chávez und die Auseinandersetzung mit Romeros Worten waren Anlass, im Juli 2002 den Förderverein Kuratorium El Salvador ins Leben zu rufen. Heute besteht das Kuratorium aus sieben Mitgliedern unserer Pfarreiengemeinschaft und ist Teil der Pfarrarbeit. Seine fünf Aufgabenfelder:

  1. Spirituelle Verbundenheit – Gebet und Gottesdienste stärken die Verbindung zu den Menschen in El Salvador.
  2. Erinnerung und Bildungsarbeit – Leben und Wirken Oscar Romeros werden nahegebracht, die Probleme El Salvadors ins Bewusstsein gerückt.
  3. Kontakte und Partnerschaft – Beziehungen zu Menschen und Einrichtungen in El Salvador und zu gleichgesinnten Stellen in Deutschland.
  4. Förderung konkreter Projekte – soziale Einrichtungen werden bei der Verbesserung der Lebensbedingungen unterstützt.
  5. Öffentlichkeitsarbeit – Menschen für die Arbeit interessieren und zum Mitmachen, Spenden und Fördern motivieren.

Die unterstützten Projekte

Schild „Bosquecito Apóstol Santiago“ an einer Mauer mit Bäumen
„Das Wäldchen“ (bosquecito apóstol Santiago): Begegnungs- und Freizeitort für Kinder und Jugendliche

1. Das „Wäldchen“ – bosquecito apóstol Santiago

1999 wurde das erste Projekt finanziell unterstützt: Neben der Schule in San Salvador wurde der Kauf eines Grundstücks finanziert, das die Menschen vor Ort liebevoll „Wäldchen“ nennen. Es bietet Schülerinnen und Schülern sowie allen Kindern und Jugendlichen einen Ort für Bewegung, Begegnung und Freizeit. Pfarrer Heinrich Weiss durfte es segnen; bei einem Besuch 2007 überzeugten wir uns selbst, wie begeistert dieser Ort angenommen wird.

Ein Geistlicher unterrichtet Kinder in einem Klassenzimmer
Proyecto Dos Mil: Unterricht und Lernstipendien für Kinder aus bedürftigen Familien

2. Proyecto Dos Mil – Hilfe für Kinder und Jugendliche in San Salvador

„Ich bin überzeugt, dass es schwierig ist, ohne Erziehung und Bildung der Armut zu entkommen.“ – Gregorio Rosa Chávez

Das Projekt von Kardinal Chávez unterstützt seit Jahren bedürftige Familien, gewährt Lernstipendien für Schulkinder und ermöglicht Jugendlichen eine Ausbildung – mit besonderem Blick auf Straßenkinder und Kinder bedürftiger Familien. Unsere Spenden flossen in den Ausbau des Schulzentrums San Francisco, in Lehr- und Lernmaterialien (Nähmaschinen, Computer, Schuluniformen, Mittagessen) und in Lernstipendien.

Zwei Männer mit einem Pickup vor einem Gebäude in Jayaque, El Salvador
Fahrzeug für die Seelsorge im weit verstreuten Gemeindegebiet von Jayaque

3. Jayaque und Studierende in San Salvador

Pater Maier steht für die Unterstützung seiner früheren Pfarrei Jayaque: Hilfen für beschädigte Kirchen und den Wiederaufbau des Gemeindelebens nach dem schweren Erdbeben von Anfang 2001 und weiteren Katastrophen 2005/2006 – und ein Auto, das die Seelsorge im weit verstreuten Gemeindegebiet ermöglicht. Zudem unterstützen wir Studierende an der Universität in San Salvador, an der Pater Maier lehrte, damit sich Jugendliche eigenständig fortbilden können.

Romero in Gersthofen – lebendige Erinnerung

  • Gottesdienste mit Bezug zu El Salvador
  • Besuche von Pater Maier und Kardinal Chávez
  • Bild mit Reliquie des heiligen Romero und Infostellwand in der Kirche
  • Verkauf von Waren aus der Einen Welt und Spendenaktionen
  • Öffentlichkeitsarbeit und Spendensammlungen

Erinnerung wird dann lebendig, wenn sie unser Handeln verändert

Oscar Romero steht für den Mut, angesichts von Ungerechtigkeit nicht zu schweigen. Seine Bedeutung für Gersthofen zeigt sich nicht nur im Namen unseres Pfarrzentrums: Aus der Erinnerung an ihn ist eine lebendige Verbindung zu den Menschen in El Salvador geworden – getragen durch Gebet, Begegnungen, Bildungsarbeit und konkrete Unterstützung.

Diese Arbeit kann nicht alle Probleme eines Landes lösen. Aber sie kann einzelnen Menschen neue Perspektiven eröffnen und die Verbindung zwischen unserer Gemeinde und den Menschen in El Salvador lebendig halten. Denn Frieden bedeutet mehr als die Abwesenheit von Krieg: Frieden braucht Gerechtigkeit, Bildung, Sicherheit, Menschenwürde und die Bereitschaft, füreinander Verantwortung zu übernehmen.

Was können wir tun, damit Menschen, die heute unter Armut, Gewalt und Ungerechtigkeit leiden, nicht allein gelassen werden?

Wir freuen uns, wenn Sie unsere Arbeit mit einer Spende unterstützen.

Quellen

  • Präsentation „Oscar Romero – sein Leben, seine Ermordung und unsere Verbindung zu ihm“ (Kuratorium El Salvador, Pfarreiengemeinschaft St. Jakobus Gersthofen)
  • Unterlagen der Pfarrgemeinde Gersthofen (Texte zum Pfarrzentrum und zum Kuratorium)
  • UN-Wahrheitskommission für El Salvador (1993): Bericht zum Bürgerkrieg und zur Ermordung Oscar Romeros
  • Vereinte Nationen: Internationaler Tag für das Recht auf Wahrheit (24. März, seit 2010 – im Gedenken an Oscar Romero)
  • Interamerikanische Menschenrechtskommission: Fall Oscar Romero, Bericht 37/00
  • Wikipedia: Oscar Romero, Salvadorianischer Bürgerkrieg, Massaker von El Mozote