Hundert Bewerbungen, hundert Nächte wach,
hundert Anschreiben, die alle dasselbe versprechen:
Leidenschaft, Teamgeist, Belastbarkeit –
Wörter so glatt, dass sie niemand mehr hört.
„Wir melden uns bei Ihnen.“ Das Telefon bleibt stumm.
Man lernt das Warten wie eine Fremdsprache:
fließend in Geduld, fehlerhaft im Hoffen.
Fünf Jahre Erfahrung für den allerersten Job –
die schönste Falle des Lebenslaufs:
Wer Erfahrung braucht, um anzufangen,
und anfangen muss, um Erfahrung zu kriegen.
Die Anzeige lockt: junges Team, Kaffee, „familiär“ –
und Probezeit um Probezeit, Praktikum um Praktikum
schiebt das Datum weiter, an dem
das Leben eigentlich beginnen sollte.
Und trotzdem: morgens steht man auf,
bügelt das Hemd, als gäbe es einen Termin,
schreibt den nächsten Brief, als zählte er diesmal –
denn Aufgeben hat noch nie eine Stelle gefunden.
Denn hinter jedem Automailer,
hinter jedem höflich-grauen „Leider“
steht ein Mensch, der mehr ist als sein Profil:
Qualifikationen, ja – aber auch: Gedanken, Humor, Herz.
Der Markt ist hart, die Scharen sind groß,
Algorithmen machen das Vorwort.
Aber ein Markt besteht aus Menschen.
Und irgendwo passt einer.
Tür auf. Erster Tag. Kaffee umsonst.